Pastor Andreas Kraft

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Ps. 46, 2)

Wer die Biografie des Reformators vor Augen hat, die lebensbedrohliche Verfolgung, die seine Lehre auslöste, der ahnt, dass es eben nicht nur um eine theologisch überfällige Korrektur kirchlicher Irrwege ging, sondern damit verbunden um einen neuen Empfang des alten Evangeliums: Jesus Christus ist mein persönlicher Retter, Helfer, Herr! Der ganze Himmel ist mir, ist uns mit ihm geschenkt. Gott ist nicht weit weg, nicht in unnahbarer Distanz unerreichbar, sondern er hat lieb, er kommt nah, er kümmert sich um uns in unsrer Not: Jesus Christus ist Mensch geworden und nimmt unsre Angst, unser Scheitern, unsre Not auf sich. In Seinem Kreuz ist die Versöhnung mit Gott, der Empfang der Liebe Gottes, die Ausrüstung mit Kraft des Heiligen Geistes geschenkt!
Jetzt öffnen sich an dieser Stelle viele Türen zu weiteren Gedanken. Man kann theologisch über den Stand der Rechtfertigungslehre, die ja Kernstück der Reformation ist, nachdenken, man kann über die vorhandene Gefahr religiösen Leistungsdenkens in Gemeinden debattieren … alles möglich. Mich bewegt ein anderer Gedanke viel mehr (und zugegeben: Er ist auch nicht ganz neu):

„Große Nöte“ haben auch heute viele Menschen getroffen. Manche dieser Nöte sind offensichtlich in Kriegs- und Fluchterfahrungen, in schleichender Verarmung eines Teiles unserer Gesellschaft, in Ängsten um Frieden und Sicherheit. Andere Gefahren sind vor Gott ganz genauso real, werden aber häufig gar nicht als solche wahrgenommen: Der Verlust biblischer Maßstäbe im gemeinsamen Leben in Familie und Gesellschaft, die nahezu vollkommene Orientierungslosigkeit in Sexualität und Spiritualität und in vielen Alltagsfragen, das zunehmende Fehlen und Verdrängen Gottes in Handeln und Denken.
Gott hat ja nicht aufgehört, seine Menschen trotz allem immer noch zu lieben. Es ist ja nicht so, dass ihn unsere schnell zu erkennenden oder auch nicht wahrgenommenen “großen Nöte“ kalt ließen. Das Kreuz Jesu Christi hat auch heute nichts, wirklich gar nichts von seiner Kraft und Bedeutung verloren.
Nur: Wie wird aus „Eine feste Burg“ heute „Meine feste Burg“? Wie sieht Reformation 2017 aus?

Eine Andacht, ein paar einführende Gedanken in einen Gemeindebrief können nicht alle Akzente dieser Frage aufnehmen. Aber einen sehr einfachen Gedanken doch betonen: Reformation ist eine Antwort Gottes auf die Not, die seine Menschen quält. „Wie bekomme ich bloß Gnade?“ war wohl zu Luthers Zeiten ein echter Herzensschrei. Heute fragt so gut wie niemand in dieser Weise. Ernüchternd festgestellt: Es gibt kein öffentlich formuliertes Interesse an Gott, an Gnade, obwohl Not und Kälte und Abhängigkeiten so spürbar erlebt werden. Das eine scheint mit dem anderen nichts zu tun zu haben. Und deshalb ist es eine entscheidende Überlegung, wie und was wir am Reformationsgeschehen feiern wollen. Wir können die Irrlehren zu Luthers Zeiten anprangern und die Befreiung davon durch die Reformation feiern. Wir können daran erinnern. Das ist nicht falsch, aber es ist deutlich zu wenig.

Wir können aber auch entdecken, dass Gott in großer Barmherzigkeit die Not der Menschen damals gewendet hat. Dazu hat er Martin Luther in seinem Denken und Glauben gebraucht. Wenn er die Not der Menschen 2017 vor Augen hat, ist die gleiche Liebe und Barmherzigkeit, aber vielleicht eine andere Antwort auf seinem Herzen. Ich erlaube mir nicht, hier diese Antwort zu formulieren. Das wäre „fromme Maßlosigkeit“.
Wie Luther dürfen wir aber das aussprechen, was wir aus dem Wort Gottes erkennen. Es war wohl der Evangelist Karl Albietz, der über den Zeitgeist einmal sagte: „Die Leute fragen heute nicht mehr: Ist es richtig?, sondern: Funktioniert‘s?“ Die Beobachtung scheint mir wichtig für die Frage nach Reformation 2017! Eine gute Lehre ist selbstverständlich, aber eine gute Praxis heute noch viel wichtiger. Die Leute müssen am Lebensstil von Christen – also von uns in der Kreuzkirche – erkennen können, dass wir das Vertrauen auf die Gnade Gottes in allen Lebensbereichen regieren lassen. Sie müssen miterleben können, dass zwei Senioren für Kranke unter Handauflegung beten und diese dann Heilung erleben. Sie müssen junge Menschen sehen, die wegen ihres Glaubens an Jesus Christus Spott und Benachteiligung auf sich nehmen und dennoch erstaunlich fröhlich bleiben. Sie müssen Gemeindevorstände kennenlernen können, die um die Existenz dunkler Mächte wissen und deren Macht im Namen Jesu Christi brechen. In der Gemeinde werden Drogenabhängige frei, Alkoholiker trocken, Belastete atmen auf. Das ist, soweit ich es beurteilen kann, ein echter Beitrag zum Kommen des Reiches Gottes und eine mögliche Antwort auf die Frage nach Reformation heute. Ich habe durch meinen Dienst in den letzten Jahren viele geistliche Leiter in unserem Land kennengelernt, die Entwicklung verschiedenster Gemeinden und Frömmigkeitsstile verfolgen dürfen. Und immer wieder wird dabei deutlich, dass das Wort des Apostels Paulus „Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft“ heute so enorm wichtig ist. Und genau da ist unser Gott auch unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Bitten wir ihn um die Antworten, die die Menschen von heute retten! Er hilft gern!

Andreas Kraft

(Pastorenwort zur Gemeindebriefausgabe 04/05 2017)

(Titelbild: Dieter Poschmann/pixelio.de)

Reformation heute?
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