Pastor Frank Drutkowski

„Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34)
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind!“ (Mt 6,12)
„Das ist vergeben und vergessen!“

Solche Beteuerungen hat wahrscheinlich jeder schon einige Male gehört oder selbst ausgesprochen. Und wir wissen, dass es nicht immer ganz so einfach ist. Da wurde ich vielleicht verletzt, enttäuscht, an die Wand gespielt, ausgenutzt. Wann ist nun aber meine Vergebung echt? Wenn ich es fühle? Wenn ich vergessen konnte, was geschah?

Ihr Lieben, es fängt schon viel grundsätzlicher an. Wann haben wir denn das letzte Mal um Vergebung gebeten? Unseren Ehepartner, einen Kollegen, die Kinder, Gott? Um Vergebung – und nicht nur um die Entschuldigung, weil die Umstände anderes nicht zuließen oder weil wir schlicht überfordert waren oder die Folgen ja nicht abschätzen konnten. Wie schnell reden wir von Missgeschick, Überforderung, Pech oder Fehlern: „Das habe ich doch nicht gewusst, auf keinen Fall gewollt und auch nicht so gemeint“? Vergebung oder Entschuldigung – das kann ein großer Unterschied sein …

Als Jesus gerade an das Kreuz geschlagen worden war, waren seine ersten Worte ein Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Und er sah dabei auf die fromme Elite, die seiner Kreuzigung mit einer gewissen Genugtuung beiwohnte, weil sie zutiefst überzeugt waren, nun wieder Gottes Ehre hergestellt zu haben. Wenn einer hier Vergebung bräuchte, dann doch wohl Jesus, der Gotteslästerer, aber auf keinen Fall sie selbst. Jesus sah auf die Soldaten, die seine Kleider verlosten. Sie hatten schon viele an das Kreuz gebracht, weil es ihnen so befohlen worden war. Warum sollte Jesus ausgerechnet für sie gebetet haben? Sie waren doch nur das letzte Glied in der Kette oder das kleinste Rädchen im Getriebe. „Die da oben“ waren schuld … Jesus sah auf das Volk, das dabeistand und zuschaute. Ihnen waren die Dinge einfach zu komplex. Wer sollte schon alles durchschauen können? Man musste sich in seinem Urteil doch auf diejenigen verlassen können, die das nötige Wissen haben. So jubelten sie vor ein paar Tagen mit den Massen und begrüßten Jesus als König. Und so schrien sie tags zuvor mit ihnen: „Kreuzige ihn!“ Brauchten sie Vergebung für ihre Unwissenheit und die Überforderung, die sich darin ausdrückte? Schließlich dachte Jesus auch an seine Jünger. Die waren schon über alle Berge. Die hörten Jesu Gebet nicht mehr. Aber zumindest ein Petrus wird deutlich empfunden haben: „Ich kann es durch nichts entschuldigen, dass ich Jesus verleugnet habe. Ich brauche Vergebung, wenn er sie mir gewährt!“ Und das hat Jesus in selbstloser Liebe getan: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Ihr Lieben, wir brauchen Vergebung, seine Vergebung, nicht unsere Entschuldigungen. Und das vielleicht nicht einmal zuerst deshalb, weil wir so viel „Dreck am Stecken“ hätten. Sondern vielmehr deshalb, weil wir eben sind, wie wir sind. Weil unser Denken und Wollen, unser Agieren und Reagieren so oft nicht mit Gottes Wesen in Einklang steht und weil andere in uns als seinen Kindern eben nicht ohne weiteres den Vater erkennen können. Wir brauchen so viel mehr Vergebung, als wir ahnen. Und wenn wir ihn darum bitten, ist Gott der Erste, der sie uns gewährt. Nichts lieber als das. Um Jesu willen hält er nicht fest, was er zu Recht gegen uns hätte. Um Jesu willen löscht er alle Erinnerung an unsere Schuld aus und spricht uns frei. Und nun kommt das zweite Bibelwort aus dem Vaterunser ins Spiel: Wer für sich Vergebung empfängt, kann und soll anderen Vergebung gewähren. Beides gehört ganz eng zusammen. Und sicher, manchmal müssen wir das „Aber“ in unseren Herzen überwinden, manchmal braucht es Heilung tiefer Wunden, damit Vergebung nicht nur eine „Sache des Kopfes“ bleibt, sondern ein „Freispruch des Herzens“ wird.

Heißt Vergebung dann auch zugleich Vergessen? Nein, ganz und gar nicht. Vergessen zu können, ist eine besondere Gnade Gottes. Aber auch dann, wenn ich nicht vergessen kann oder sogar darf, kann die Vergebung echt sein. Erinnert euch noch einmal an Petrus. Wie sehr litt er darunter, seinen Herrn verleugnet zu haben! Aus seiner Per­spektive hatte er damit die Beziehung zu Jesus völlig zerstört. Und das konnte er sich selbst nicht vergeben. Nachdem Jesus auferstanden war, vergingen viele Tage, bis Jesus und Petrus am See Genezareth endlich miteinander sprechen konnten. Und Jesus fragte Petrus nur nach dessen Liebe und bestätigte dann erneut dessen Berufung: „Weide meine Schafe! Ich halte fest an dir! Es ist dir schon längst alles vergeben!“ Wunderbar! Tiefe, echte Vergebung! Und dennoch ist Petrus bis heute „der Jünger, der Jesus verleugnete“. Alle Evangelien berichten davon. Was er tat, wurde nicht ungeschehen gemacht, nicht dem Vergessen anheimgegeben, aber sehr wohl vergeben. Zurück blieb eine „Narbe“. In aller Regel stören uns Narben. Für unser Empfinden wirken sie entstellend. Aber sie erzählen eine Geschichte. Für Petrus zeugte seine „Narbe“ von seinem tiefen Fall und noch viel mehr von der unfassbaren Liebe seines Herrn, von der grenzenlosen Vergebung, die er ihm geschenkt hat, und von der heilenden Barmherzigkeit Gottes, die Petrus verändert hatte. Und genau davon werden auch unsere „Narben“ reden, wenn wir Jesu Vergebung suchen und empfangen und dann auch anderen gewähren.

Frank Drutkowski

(Pastorenwort zur Gemeindebriefausgabe 06/07 2017)

(Titelbild: Bernd Kasper/pixelio.de)

Vergeben und vergessen?
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